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	<title>Treibholz Engel</title>
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	<description>Bericht einer Jugend</description>
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		<title>Treibholz Engel</title>
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		<title>Prolog</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:58:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal liegt man nachts wach, weil man erinnern möchte oder weil man in der sprachlosen Leere etwas sucht, was man erinnern könnte. Und manchmal erwacht man und die ganze Welt offenbart in der Stille der Nacht, dass es in ihr nichts anderes mehr gibt als Erinnerung. Die Bilder des Traumes vertauschen sich langsam mit dem [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=124&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Manchmal liegt man nachts wach, weil man erinnern möchte oder weil man in der sprachlosen Leere etwas sucht, was man erinnern könnte. Und manchmal erwacht man und die ganze Welt offenbart in der Stille der Nacht, dass es in ihr nichts anderes mehr gibt als Erinnerung. Die Bilder des Traumes vertauschen sich langsam mit dem Unwirklichen der Nacht und suchen doch nur den Weg zurück in die Wärme des längst Vergessenen. Gesichter verblassen und werden doch noch gefühlt, verlieren sich in diesen dunklen Gängen, in die man sie nicht einmal dann verfolgen kann, wenn man die Augen wieder schließt und die Zeit für ein paar Minuten aufhält. Die Bilder ﬂiehen, und zurück bleibt der Schatten des Gesehenen, das paradiesische Licht und die Sehnsucht nach diesem einen Gesicht, das</em></p>
<p><em>gefangen war in der Erinnerung und das die Welt nun allein deswegen in ein seltsam kaltes Kleid hüllt, da es in ihr fehlt. Die Schemen der U-Bahnen, der noch nicht ganze verebbte Verkehr auf den Straßen und die Lichter auf der anderen Seite des Flusses bilden nur eine fahle Kulisse aus Bewegung, in der in allem ihr Bild thront, während sich die eben noch alles verschlingende Wärme in der Großstadtkulisse verliert, gesichtslos wird und sich dennoch in dem irrationalen Licht dieser Träume hält; sich festhält in diesem heimatlosen Raum zwischen den Tagen und die Angst schürt vor neuen Träumen, in denen sie nicht ist. Schlaf wird zum Feind und die Bilder der Nacht zur einzigen Hoffnung der Tage, in die man erst zurückkehren möchte, wenn man diese Wärme wiedergefunden hat, wenn man einen Weg gefunden hat, wie man dies alles wieder mitnehmen kann&#8230; </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Obwohl Jona sie schon so lange nicht mehr gesehen hat, dass er manchmal sogar übergewichtigen Damen auf der Straße nachsieht, da er hinter den fetten Wangen ihr zartes Gesicht von damals zu erkennen meint, bedeckt sie in solchen Nächten alles, da es sein Herz ist, das sich erinnert. </em></p>
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		<title>Kaleidoskop 1:  Delia und ein zerbrochener Himmel</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:57:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Romankapitel]]></category>
		<category><![CDATA[Alkohol]]></category>
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		<category><![CDATA[Schule]]></category>
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		<description><![CDATA[Delia&#8230; Als sie damals nach einem Jahr Amerika Anfang der 11. Klasse in Jonas Stufe kam und mit leuchtend rotem Lippenstift, zwei seitlich geﬂochtenen Schulmädchenzöpfen und kniehohen schwarzen Lederstiefeln den Raum seines Deutsch-Leistungskurses betrat, war ihr Ruf ihr schon vorausgeeilt: Ein mit ihr gereister Junge hatte überall in der Schule herumerzählt, dass sie sich am [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=122&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Delia&#8230;</strong></p>
<p>Als sie damals nach einem Jahr Amerika Anfang der 11. Klasse in Jonas Stufe kam und mit leuchtend rotem Lippenstift, zwei seitlich geﬂochtenen Schulmädchenzöpfen und kniehohen schwarzen Lederstiefeln den Raum seines Deutsch-Leistungskurses betrat, war ihr Ruf ihr schon vorausgeeilt: Ein mit ihr gereister Junge hatte überall in der Schule herumerzählt, dass sie sich am Anfang ihres Amerikaaufenthaltes in der Rangliste der 20 reichsten Jünglinge langsam aber stetig zur Kronprinzessin des unangefochtenen Highschool-Königs hoch geschlafen hatte und dann bei ihm geblieben war.</p>
<p>Alles an ihr schien dieser Geschichte Recht zu geben: Ihr hübsches Gesicht war ganz Schlafzimmerblick, und ihr süßes Klein-Mädchen-Lächeln wirkte in ihrem scheinbar eindeutigen Outﬁt falsch, hohl und verwirrend. Ihre offensichtliche Schönheit erinnerte an einen wertvollen Gebrauchsgegenstand, eine gläserne Puppe für die Bedürfnisse der Privilegierten, geschaffen für nichts als für ihre eigene, naive Welt und das Spiel mächtiger Hände. In dem Lockenden ihrer Erscheinung trauerte still der gestrandete Traum von Gold, und daher blieb anfangs die einzige Fantasie über Delia eine ﬁktive sexuelle Eskapade im Knick bei einer Abi-Party, da es in Jonas Vorstellung ein so bizarres Bild ergab, wenn die wohl geübten Waffen einer amerikanischen Interims-Schneekönigin in den rauen Gepﬂogenheiten von bierbeseelten Dorffesten vielleicht irgendwann nackt auf einer Kuhkoppel enden würden; wenn der amerikanische Traum auf deutschen Wiesen landete und der Lippenstift in der Gewissheit im Tau verlief, dass gestrandete Wesen mit Arroganz geizen sollten.</p>
<p>Diese Fantasie beschäftigte Jona jedenfalls auf dem Weg zur ersten Abi-Party des neuen Schuljahres, da Delia in der ganzen Woche neben ihm gesessen hatte und nichts, abgesehen von ihrer kunstvollen Schnörkelschrift, diesem Proﬁl des leichten Mädchens widersprochen und nichts in ihren maskenhaft schönen Zügen eine Annäherung an ihr neues einfaches Leben signalisiert hatte. Wenn Jona damals nachgedacht hätte, dann wäre ihm wohl aufgefallen, dass dieser erste Eindruck sich hauptsächlich deswegen verhärtet hatte, weil sie kaum etwas gesagt, sondern nur oft still gelächelt hatte. Auch ihre Schrift hätte ihm zu denken geben müssen, da sie mit einer dieser Schriften schrieb, die förmlich nach Rosen rochen. Weil Jona ein hoffnungsloser Chaot war, eine Schrift und Seele wie ein halbherziger Orkan im Atlantik hatte, sich als Heranwachsender suchend in einer Bier- und Männerwelt gefangen sah, erinnerten ihn solch geschwungene kunstvolle Worte oft schmerzlich an die Orte, die in seinem bisherigen Leben immer gefehlt hatten: Mädchenschlafzimmer mit tücherverhangenen Betten, mit Spiegeln und getrockneten Rosen an den Decken; an die Orte, nach denen er sich immer gesehnt hatte und zu denen ihn die mit einsamer Freiheit verhangene Welt voll lauter Teenager nie entlassen hatte. Er hatte schon so immer genug damit zu tun gehabt vor den anderen weitgehend vertuschen zu können, dass er viele Stunden am Tag Gitarre übte und Bücher las, ehe er doch im Park landete und irgendwann sich diese abwesenden Dinge im süßlich vernebelten Himmel erträumte.</p>
<p><strong>Fee&#8230;</strong></p>
<p>Auch auf dieser Party war es Jona, der nackt auf der Wiese landete, mit einem Mädchen, das er nur ﬂüchtig kannte und das offensichtlich nicht oft hatte nein sagen können. Sie hieß Fee und hatte früher einmal, bevor sie endgültig dem Gymnasium verwiesen worden war, ganz kurz neben ihm gesessen.</p>
<p>Auf einer Anhöhe abseits des in der Mitte der Sandkuhle aufgestellten Bierzeltes alberte Jona erst mit Fee und ihrer Schwester herum, bevor sie sich alle drei immer näher kamen, aus irgendwelchen Gründen die Wahl auf Fee ﬁel und Jona sich dann mit ihr von der Party verabschiedete. Auf dem Weg zur Wiese bekam Fee Bedenken, weil ihr auf einmal doch ihr Freund wieder einﬁel. Daraufhin versuchte sie Jona in einem sonderbaren Kuhhandel nahe zu bringen, dass er lieber ihre Schwester nehmen sollte, da das besser sei und sie das ganz leicht für ihn arrangieren würde. Doch da sie blond, ihre Schwester nur braunhaarig und ihr Freund sowieso ein Arschloch war, Jona außerdem nicht zurückgehen wollte, lehnte er dankend ab.</p>
<p>Es war bedeutungslos; sie, ihre Schwester oder irgendwer sonst; sein Gewissen hatte Urlaub, schwamm irgendwo dort hinten im Bier und sein Augenlicht folgte willig diesem immergleich inszenierten Spektakel des Vergessens in die Dunkelheit der Wiese; in das Halblicht, in dem alles nur ein Spiel war, ein Tanz, bei dem die sonst so übermächtige Gewissenhaftigkeit keine Chance bekam. Denn nur die Fratze des scheinbar wirklichen Lebens umgab ihn, und er hielt dieser bemühten Wirklichkeit alles Künstliche entgegen, um ihr mit seinem Spiel zu attestieren, dass sie mit seiner eigenen Wirklichkeit nicht das Geringste verband. Er verlor sich nur in ihr, folgte den Bewegungen ihrer Hände in die Vision einer besseren Welt, an die er eigentlich selbst nicht glaubte. Doch als er über ihren milchig im Mondlicht glänzenden Körper strich und ihre rechte Hand sanft die straffe Stelle unterhalb seines Gürtels rieb, umschlossen seine Lippen ihre warm zuckende Zunge, als könnte man das Glück aus ihr heraussaugen; als gäbe es dort Antworten, die er vorher nur nicht in Betracht gezogen hatte. Jona streifte ihre Hosen ab und wunderte sich, wie ﬂach und glatt sich ihr kaltes Gesäß anfühlte, wie bedrohlich jedoch die Schulterblätter aus der knochigen Fläche ihres dünnen Rückens hervortraten. Ihre Hände umspielten ihn mit dem unausgesprochenen Versprechen von Trost, während kalter Wind seine nackten Lenden umwehte und ihre hohle Hand aus der Mitte seiner Hüften aufgeregte Wellen in seinen ganzen Körper sandte, die in einer seltsam tiefgehenden Freude in ihm sanft verhallten, bevor sie erneut niedergingen und Fee sich auf ihn legte. Die Welt umschloss ihn wie eine dunkle Mulde, in der er sich in verzweifelt zuckenden Bewegungen verlor, die- uferlos, unverstanden und doch immer aufs Neue hilﬂos- um Linderung baten.</p>
<p>Und während sich Versuchung, gelockt von Bierkrügen und genährt von dem erstickten Lachen der Eroberung, wie eine schwere, verschwitzte Decke über die Sterne in dieser Nacht legte und sich selbst die Konturen von Fees Gesicht über ihm im namenlosen Irgendwo der Bewegungen verloren, schlief Delia friedlich den Schlaf der Verkannten. Jona hingegen ﬂüchtete, als die Sache vorbei war und die Kühe tatsächlich neugierig immer näher kamen, von dem Feld, der Party, dem Mädchen und einer Szene mit ihrem wohl dann doch anwesenden Freund, während ihm der Dreck in die Seele kroch, hastete zu seinem Fahrrad und fuhr so schnell in seiner einstmals weißen Hose nach Hause, dass er schließlich unweit seines Elternhauses aus der Kurve ﬂog und mit dem Rücken zum Himmel auf der Wiese landete.</p>
<p><strong>Die Sterne im Himmel und der Dreck&#8230;</strong></p>
<p>Schmerz verspürte er damals nicht, sondern nur den Schmutz. Es war einer dieser Momente, in denen auch einsame Idylle nicht mehr funktionierte und der Schatten von Schönheit die Verzweiﬂung ins Unermessliche wachsen ließ. Der enthüllte Vollmond und die vielen Sterne daneben, die Ruhe der von spätsommerlicher Feuchtigkeit leicht nebelverhangenen Wiesen und die sanfte Bewegung der Schilfgräser standen so im Gegensatz zu all dem Schmerz in ihm, dass Jona in diesen Momenten nicht mehr daran glauben konnte, dass der Schmutz nur Teil eines Spiels war. Er selbst war dieser Dreck und alle aufrichtigen Wünsche verblassten in ihm- ohne irgendeine Chance diese zweifelhaften Dinge aufzuwiegen können, die sich unweigerlich anhäuften, wenn man auf der Schattenseite der Träume lebt, das eigene Leben in Alkohol und Agonie gießt und dabei die Hoffnung hegt, dass die Askese der Wünsche die Wünsche selbst am Leben hält.</p>
<p>Der beschmutze Ablganz dieser Reinheit verteilte sich milchig und blass am Himmel, zeichnete zwei lieblose Hügel auf das einstmals glänzende Weiß der Wolken und versprengte das, was sich eben noch wie Glück angefühlt hatte. Denn all seine Träume entweihten sich in diesen Momenten, beﬂeckten sich mit der Unwürdigkeit der billigen Lust, mit dem Dreck der Felder und mit den Gesichtern all jener Mädchen auf ihnen, die er am liebsten vergessen wollte. Die Fassade all der endlosen Tage seines Lebens und der jeden Tag aufs Neue reingewaschenen Einsamkeit all ihrer Wünsche war an der plötzlichen Begierde zerbrochen. Abgedriftet in den hormonellen Verliesen des Rausches und angefeuert von der Bühne des öffentlichen Lebens und den Zwängen auf ihr etwas darzustellen, hatte er wieder das Wort Schlampe auf das Antlitz der Nacht geritzt. Das Spiel war ihm entglitten, war in dem Zuviel an Nichts doch bedeutsam geworden, da er die Dinge nicht mehr hatte unterscheiden können. Die Rosen zerﬁelen und wichen wieder ins Namenlose, während der Himmel weiter dieses Lied von der Schönheit sang; von der Existenz der Poesie und dem Lebbaren der Sehnsucht. Die Geißel der männlichen Triebe brannte sich auf seine Stirn und die Idylle verhöhnte den Verräter mit Morgennebeln und von Vollmond durchﬂuteten Wiesen, auf denen zu allem Überﬂuss die Silhouetten der Pferde wie Fabelwesen silbrig durch den Dunst schimmerten.</p>
<p>Jona hatte sich damals auf dem Feld so dreckig gefühlt, dass er auf einmal fast sicher war, sich soeben mit Aids inﬁziert zu haben. Wenn man bei 2,5 Promille auf einer Kuhkoppel entjungfert wurde und schon immer alles Relevante fein sorgsam mit sich alleine ausgemacht hatte und sich das wahre Leben meinte erträumen zu können, dann musste man sich wohl auch nicht wundern, wenn die eigene hypochondrische Veranlagung diese Schreckensvision für genauso real hielt, wie das Weiß der Träume. Da half es dann nicht drei Stunden zu duschen oder vom Arzt gesagt zu bekommen, dass es zu unwahrscheinlich sei, wirklich inﬁziert worden zu sein, als dass sich der Stress eines Testes wirklich lohnen würde. Der Dreck blieb an ihm kleben und wurde noch durch die Angst verhärtet, dass vielleicht doch er selbst es war, der ihn angezogen hatte.</p>
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		<title>Kaleidoskop 2: Neue Wege und ihr jähes Ende</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:56:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Heimatlosigkeit]]></category>
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		<description><![CDATA[Ahnungen&#8230; In der Schule, dem Hort der Tage auf der anderen Seite der Träume, saß Jona nach diesem Wochenende im Deutschunterricht Delia gegenüber und verlebte in den Zimmern abseits der langen Gänge halbanwesend seine Tage. Die Welt dort blieb bis zur zehnten Klasse ein endloser Wortreigen, ein Projektionsraum für Mittagessen, die die Langeweile überlebensgroß über [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=120&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ahnungen&#8230;</strong></p>
<p>In der Schule, dem Hort der Tage auf der anderen Seite der Träume, saß Jona nach diesem Wochenende im Deutschunterricht Delia gegenüber und verlebte in den Zimmern abseits der langen Gänge halbanwesend seine Tage. Die Welt dort blieb bis zur zehnten Klasse ein endloser Wortreigen, ein Projektionsraum für Mittagessen, die die Langeweile überlebensgroß über der Tafel ﬂimmern ließ. Kaum ein Ort wirklichen Lernens, sondern eine Olympiade des Nachplapperns, Stätte sorgfältigen Abschreibens von Abgeschriebenem; nur ein taubes, verunsichertes Schattenspiel, dessen weibliche Gegenlichter unerreichbar auf der anderen Seite des Klassenzimmers blieben, deren Reize aber alle Träume nährten, obwohl sie dann, doch immer wieder haltlos geworden, im wegelosen Niemandsland junger Sehnsucht zerrissen.</p>
<p>Jona hatte längst die Wissensinseln lokalisiert, die mit in wichtiger Pose erhobenem Pädagogenﬁnger vermittelt und dann turnusmäßig ein wenig erweitert wurden. Das eine Jahr lehrte etwas, was das andere Jahr durch die gegebene Erweiterung faktisch revidierte. Als Botschafter des wahrhaftig Neuen begannen im Laufe der Jahre Hebelgesetze langsam und verzagt, aber doch in schwindelerregender Gleichförmigkeit nach den Früchten der Längsten zu fragen, Glühbirnen leuchteten in Physikbaukästen wie von Zauberhand gelenkt, und im Matheunterricht bekamen sie Gehirnzuwachs in Form von Taschenrechnern. In Erdkunde verdeutlichten Klimadiagramme anschaulich, dass man im Regenwald eindeutig mehr Regentonnen füllen konnte als in den Slums von Mexiko-City, und die Krönung kam im Gewand soziologischer Einbildung mit der erschütternden Erkenntnis daher, dass es wohl weder in südamerikanischen Metropolen noch im Regenwald Regentonnen nach dem Vorbild norddeutscher Kleingärtner geben würde. Gartenzwerge wurden zum Symbol kultureller Unüberbrückbarkeiten und die Lektüre der dümmsten, aber für sie schon geeigneten Englischbücher, vermengte sich neben Inhaltsangaben mit der Suche nach dem perfekten Nebensatz. In dem Maße, wie Jona Inhalt und Festigung in sich suchte, reduzierte sich der Inhalt des Schulalltages nahezu komplett auf die Frage, wer neben wem sitzt und warum.</p>
<p><strong>Das Roggenfeld und der Globus&#8230;</strong></p>
<p>Sogar der Kampf um die Klassenrüpeltrophäe konnte Jona zu dieser Zeit langsam aber sicher auch nicht mehr zufrieden stellen, da er gemerkt hatte, dass auch die schönsten Verweise, Strafarbeiten und Lehrerstreiche weder ihn sich selbst noch ihn den Schönheiten von der anderen Seite des Klassenzimmers näher gebracht hatten und dass die Verzweiﬂung der Lehrer manchmal sogar die eisernen Gesetze der Pubertät sprengte, man tatsächlich auf einmal Mitleid und Scham empfand und es auch zeigte. Salingers „Fänger im Roggen“ verlor seinen ausschließliche Vorbildfunktion als schulschwänzender Rabauke, und auch wenn bei der Buchbesprechung weiter das Offensichtlichste breitgetreten wurde, wusste Jona, dass es mehr darüber zu sagen gab und er war es leid, ständig an der Oberﬂäche zu kratzen. Die Welt öffnete damals langsam ihre Tore, gewann an Größe und Tiefe und machte aus dem scheiternden Schüler Caulﬁeld den verlorenen Menschen Holden, der genauso wie Jona sich selbst und das Wahre der Welt suchte und alle Antwortmöglichkeiten von den Lehrern im Unterricht noch ausgeschlossen wurden, da sie dem Diktat der Lehrpläne widersprachen, obwohl all das, sprachlos noch, doch jeden Tag ein wenig dringlicher, hinter den milchigen Scheiben der Klassenzimmer zu warten schien. Das Roggenfeld dehnte sich in die Weite des Globus und niemand gab Jona die Stimme, mit der er dem erwachenden Bewusstsein der Verlorenheit hätte entgegentreten können.</p>
<p>Es blieben Fragen stehen und die Forderung, dass Mauern fallen müssten, um den Gedanken das nötige Gefühl von Vollständigkeit vermitteln zu können- neben der bitteren Gewissheit, dass sie genau deswegen nicht ﬁelen, weil die Wahrheit der Welt der größte Feind der Regulationszentrale Schule war.</p>
<p><strong>Das Formelpapier und ein kurzes Erwachen&#8230;</strong></p>
<p>Daher verspürte Jona eine nahezu ungebührliche Hoffnung, als er am Anfang dieser elften Klasse im Biologie-Leistungskurs kommentarlos ein auf den ersten Blick kompliziertes chemisches Diagramm mit der Bitte überreicht bekam, eine Weile darüber nachzudenken. Ein paar Minuten versank Jona in den Formeln auf dem Papier und vergaß alles um ihn herum. Die Buchstaben und Zahlen verschmolzen zu einer Einheit, die ganz Gedanke war und die ihn mit einer Aufbruchstimmung erfüllte, die an Euphorie grenzte. Sein Leben lang hatte sich Jona im alltäglichen Leben irgendwie unförmig und plump gefühlt.</p>
<p>Er war dort ein Klotz, der nirgendwo wirklich hineinpassen wollte, der schon als Kind an vielen Tagen zögernd und ängstlich stundenlang auf der Schaukel gesessen hatte, bis er schließlich doch am Nachbarshaus klingelte, in dem die beiden Nachbarskinder spielten. Sie hatten alle Drei immer ihre Zeit miteinander verbracht, und es gab nicht einen Grund für sein Misstrauen und seine Zweifel, doch trotzdem hatte Jona die Gedankenlosigkeit des Selbstvertrauens schon damals so sehr gefehlt, dass er auf der Schaukel erst darüber nachsinnen musste, ob es nicht vielleicht doch Gründe geben könnte, warum sie gerade an diesem Tag lieber ohne ihn würden spielen wollen.</p>
<p>So ging es immer und es ging immer schief. Schon damals in seiner ansonsten unbeschwerten Kindheit rechnete er ständig mit der Bösartigkeit der Welt und versuchte sich selbst davor zu schützen, indem er vor jeder Situation in langen Überlegungen abschätzte, ob dieses Hinterhältige in den kommenden Momenten sich gegen ihn würde richten können.</p>
<p>Nur in den Momenten intensiver Beschäftigungen schwand diese nicht greifbare Schwere ein wenig und an diesem Tag im Biologiekurs wurde das Formelpapier für ein paar Momente zur ausschließlichen Welt. Es gab neben den Gedanken kein Raum mehr für Beobachtungen, Ängste oder Zweifel, das taube Gefühl in Jonas Schläfen schwand und es schien ihm, als könne ihm dieses kleine Blatt für ein paar Minuten eine sorglose Heimat geben; als würde die elfte Klasse als erstes Jahr der gymnasialen Oberstufe wirklich Veränderung bringen.</p>
<p><strong>Verordneter Schlaf&#8230;</strong></p>
<p>Nach einer Weile merkte Jona jedoch, dass die chemischen Mengenverhältnisse nicht stimmten. Als er dies verwirrt dem Lehrer zu bedenken gab, reagierte dieser ungehalten, da die frühe Erkenntnis, die dazu auch noch über das zu Erkennende hinausreichte, seinen gemütlichen Zeitplan durcheinander wirbelte. Jona bekam also den sprichwörtlichen Maulkorb verpasst und die Klasse befasste sich volle drei Doppelstunden mit dem Schema. Danach hatte die gesamte Riege der Musterschüler alle für die Klausur benötigten Deﬁnitionen fein säuberlich mitgeschrieben, während Jona nur mit steigender Wut daneben saß und die stumpfsinnige Zeitverschwendung beklagte. Er wusste, dass diese Unterrichtsverfahren als Nebeneffekt eine Eins für die schreibenden Legionen und eine schlechtere Note für ihn bedeuten würde, da er immer ein wenig chaotisch dachte, sich nicht gerne nach starren Ordnungsschemata richtete und auch manchmal Teile einer Gedankenkette in der schriftlichen Darlegung ausließ, weil sie ihm selbstverständlich vorkamen, von denen ihm aber absurderweise niemand glauben wollte, dass sie auch Gegenstand seiner Überlegung gewesen waren, obwohl er zum richtigen Ergebnis kam.</p>
<p>Zu den anderen Missständen kam sein saumäßiges Schriftbild als Negativfaktor hinzu, und deswegen überraschte Jona die mittelmäßige Note unter seiner ersten Biologieklausur ebenso wenig wie der vom Lehrer hinzugefügte Schlusssatz:</p>
<p><em>„Die Gliederung ist nicht überzeugend und das Schriftbild ist absolut mangelhaft. Ich rate Ihnen daher, einen Beruf zu ergreifen, bei dem keine Formen der schriftlichen Darlegung notwendig sind: Vielleicht Sänger!“</em></p>
<p>So trieb das Formelpapier wieder ab, wich das Verheißungsvolle in diesem endlosen Meer aus Belanglosigkeiten, wuchsen die Wortberge bis zum verstaubten Himmel dieser noch dumpfer gewordenen Welt. Lachen verhallte, Minuten schleppten sich lallend durch die Zeit, und während das Blut wieder aus den Schläfen lief, wirbelten gerade gerückte Thesen um das Zepter der verbrieften Intelligenz. Sie Speerspitze der Gedanken zerbrach, die Wachsamkeit und die Blicke entﬂohen, und je blickloser das Dasein wurde, desto stärker wuchs der pochende Schmerz um den Schädel, da alles sich nach innen kehrte, das ganze Umfeld und alle Gedanken.</p>
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		<title>Kaleidoskop 3: Ein Karussell als Fluchtpunkt</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:55:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Romankapitel]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>
		<category><![CDATA[Traurigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Wut]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Überwindung der Fantasie&#8230; Der Deutschunterricht dagegen hatte sehr verheißungsvoll begonnen. Der Lehrer, Herr Neumeier, leitete die Ruder AG der Schule und galt allgemein als sehr fähiger Pädagoge, dessen vielleicht einziger großer Fehler seine Leidenschaft für Grundsatzvorträge bildete. Wenn er sich in den großen Pausen der Raucherecke oder der Pausenhalle näherte, aktivierte sich das ausgeklügelte [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=118&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Überwindung der Fantasie&#8230;</strong></p>
<p>Der Deutschunterricht dagegen hatte sehr verheißungsvoll begonnen. Der Lehrer, Herr Neumeier, leitete die Ruder AG der Schule und galt allgemein als sehr fähiger Pädagoge, dessen vielleicht einziger großer Fehler seine Leidenschaft für Grundsatzvorträge bildete. Wenn er sich in den großen Pausen der Raucherecke oder der Pausenhalle näherte, aktivierte sich das ausgeklügelte Frühwarnsystem seiner Ruderschützlinge, und man sah von allen Seiten Ruderer auf die Toiletten oder in die Seitengänge ﬂüchten, da sie nicht allzu großen Wert darauf legten, die Problematisierung des persönlichen Trainingsplans, die grundsätzliche Nachbereitung der letzten Regatta oder eine allgemeine Abhandlung über erfolgreiche Strategien im Schulalltag in der kostbaren Zeit ihrer Pausen über sich ergehen zu lassen. Jona ruderte nicht und kannte Herrn Neumeier nur aus den Erzählungen seiner großen Schwester. Da sie seine fachliche Kompetenz und seine Persönlichkeit selbst jedoch sehr gelobt hatte, erweckte der zweistündige Vortrag Neumeiers über seine Sicht auf das Fach Deutsch als Leistungskurs in der ersten Stunde in Jona große Erwartungen. Er betonte darin ausdrücklich, dass es bei den Aufsätzen weder um starre Deﬁnitionen, ein überprüfbares Richtig oder Falsch, noch um die Wiedergabe stur gepaukten Wissens gehe, sondern um Horizonte. Jeder könne somit seinen eigenen Blickwinkel in die Debatte einbringen und dadurch den Deutschunterricht zur wahrhaft lehrreichen und dann wiederum die eigene Sichtweise bereichernden Erfahrung aufwerten. Seit im Laufe der zehnten Klasse irgendwie diese fragende Stimme in Jona erweckt worden war, liebte er Aufsätze und als er den Ausführungen über eigene Horizonte lauschte, schien es ihm, als könnte das wahre Gefängnis seiner Verlassenheit seine Tore öffnen: seine Stummheit. Doch obwohl Neumeier sich auch leidenschaftlich gegen die Kollegen wandte, die auch in Gedichten nach einer doch nie existierenden einzigen Wahrheit suchten, stritt sich Jona mit ihm schon bei der ersten Interpretation.</p>
<p>Das Karussell</p>
<p>(Jardin du Luxembourg)</p>
<p>Mit einem Dach und seinen Schatten dreht</p>
<p>Sich eine Weile der Bestand</p>
<p>Von bunten Pferden, alle aus dem Land,</p>
<p>das lange zögert, eh es untergeht.</p>
<p>Zwar manche sind an Wagen angespannt,</p>
<p>doch alle haben Mut in ihren Mienen;</p>
<p>ein böser roter Löwe geht mit ihnen</p>
<p>und dann und wann ein weißer Elefant.</p>
<p>Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,</p>
<p>nur dass er einen Sattel trägt und drüber</p>
<p>ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.</p>
<p>Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge</p>
<p>Und hält sich mit der kleinen heißen Hand,</p>
<p>derweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.</p>
<p>Und dann und wann ein weißer Elefant.</p>
<p>Und auf Pferden kommen sie vorüber,</p>
<p>auch Mädchen helle, diesem Pferdesprunge</p>
<p>fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge</p>
<p>schauen sie auf, irgendwohin, herüber-</p>
<p>Und dann und wann ein weißer Elefant.</p>
<p>Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,</p>
<p>und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.</p>
<p>Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,</p>
<p>ein kleines kaum begonnenes Proﬁl-.</p>
<p>Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,</p>
<p>ein seliges, das blendet und verschwendet</p>
<p>an dieses atemlose, blinde Spiel&#8230;.</p>
<p>Die Neonlampen surrten, während Jona freiwillig seinen Aufsatz vorlas und Neumeier mit gekreuzten Armen auf dem Tisch vor der Tafel sitzend zuhörte. Als Jona nach dem Vortrag wieder aufsah, merkte er, dass Neumeier noch um eine Bewertung rang und offensichtlich andere Gedanken erwartet hatte.</p>
<p>Er rutschte auf seinem Lehrertisch herum, legte den Kopf auf die Seite, verzog die Lippen ungewollt verächtlich und murmelte dann etwas Unverständliches. Schließlich stand er auf, trat ein paar Schritte nach vorne und fragte dann in die Klasse:</p>
<p>„Hat jemand das anders?“</p>
<p>Hastig schnellten einige Finger in die Höhe, Neumeier rief eine sichere Kandidatin in tadellosem Poloshirt und Brille auf und bekam auch prompt seine gewünschte Betrachtung über die weise Einsicht, dass die Kindheit eben nicht ewig dauert, man irgendwann dann doch aus der Sandkiste steigt, in die Schule geht und Teddybären gegen Schreibhefte und den ganz großen Ernst des Lebens tauscht.</p>
<p>Nach diesem Aufsatz lächelte er endlich und nickte anerkennend. Kinder hören ganz sicher irgendwann auf mit dem Karussell fahren. Das war eben nicht von der Hand zu weisen, das war Einsicht und Analyse, die Horizonterschließung im wissenschaftlichen Sinne, und er wollte mehr davon, ließ zwei weitere Aufsätze verlesen und sah sich dann nach konsequenter Wiederholung darin bestätigt, dass das mit der Kindheit wirklich irgendwann vorbei sei, manchmal früher, manchmal später. Er lächelte neckisch zu den drei weiblichen Aufsatzweisen hinüber und fügte dann an, dass es wohl kein Zufall sei, dass gerade das Mädchen dem Spiele fast schon entwachsen sei.</p>
<p>„Jungen sind ja öfter die Spätzünder, das ist wohl leider so, nicht wahr, Christina?“</p>
<p>Er zwinkerte in die Runde und begann in seiner Tasche zu kramen, da er wohl zu dem nächsten Thema übergehen wollte. Doch obwohl sich anscheinend auch in diesem Fall die Dämlichkeit wieder deutlich auf der männlichen Seite zu räkeln schien, Jonas Meinung also von weiblicher und dazu noch empirisch sicher gestellter Reife widerlegt worden war, meldete er sich trotzdem, da er noch nicht verstanden hatte, was denn so skandalöses an seinem Aufsatz sei, dass man darüber anscheinend kein Wort verlieren konnte. Jona sah in dem Karussell die Kindheit auch abstrakt symbolisiert, als etwas, das man in irgendeiner Form lange oder vielleicht sogar sein ganzes Leben mit sich trägt, als Erinnerung, als Sehnsucht und als immer wieder gefühlte Ahnung; als aufgelebter Schatten von diesem einfachen Zauber, der all die weißen Elefanten und all ihre Glückseligkeit dem Vergessen vielleicht immer nur für Momente wieder enteignete und das Leben damit einhüllte. Jonas Meinung nach überwand man die Kindheit nicht einfach. Alle verdrängten Träume, alles, was einen manchmal zurück ziehen wollte in das Atemlose der Fantasie, erklangen manchmal Heil versprechend in den grauen Lücken der Tage, das Erwachsenwerden wurde gewünscht und wieder verwünscht, der Lauf der Zeit verﬂucht und alles Vergangene golden verklärt aus dem Halbdunkel der Erinnerung gezerrt, so dass vielleicht sogar nur in Ausnahmefällen auch noch der letzte Rest dieser Welten, jeder rote Löwe und jeder weiße Elefant, restlos ausgelöscht wurde.</p>
<p>Auch für das Kind wurde das Karussell erst im Geiste, in der Begeisterung und in dem Bunten seiner Vorstellung zu eben diesem atemlosen, blinden Spiel. Es existierte nicht per se, sondern stand als Metapher für Unbeschwertheit und Glück; für all das, was vielleicht jeder suchte und was manchmal so schmerzlich in den immergleichen Bahnen des Erwachsenendaseins vermisst wurde, dass das Karussell, das Irreale seiner Farbenwelt in gewissen Situationen zur wahren Vorstellung von Leben wurde.</p>
<p>Vielleicht bezog sich das nur auf die Momente nostalgischer Lebensformen, die kurz vor dem Kollaps, gleichsam als Beigabe der Demenz, noch einmal alles Kindliche umwarben, mit der Flasche am Hals und der Wirklichkeit längst entfremdet, noch einmal von der Wärme dieser Bilder blühender Jugend eingeholt wurden, bevor sie sich dann endgültig tot soffen. Doch schließlich entstand auch das absolut Sichtbare dieser Welt in unserer Vorstellung, und die Bewertung jedes Moments erschuf eine Scheinrealität aus Erinnern, Vergessenwollen, Erschließen und Hoffen, so dass es doch unwahrscheinlich klang, wenn nur die ﬁnalen Momente abstruser Lebensformen zu wirklicher Fantasie und Transformation befähigten. Wie traurig wäre das Leben ohne Fantasie, wie traurig die Kunst ohne das kindlich-Naive und wie seltsam die Vorstellung, dass Rilke über etwas so bewegt und rührend schrieb, wenn der bunte Schatten dieses Sehnens in ihm selbst gar nicht mehr existieren durfte.</p>
<p>Obwohl es Jona also schien, als würden sich manche Menschen nie ganz von diesen Karussellwelten lösen können, beharrte Neumeier in seiner auf Jonas Frage mühsam formulierten Stellungnahme darauf, dass es bei dem Karussell absolut und ausschließlich um die Beendung der effektiven Kindheit ging, um die Phase zwischen 6 und ca. 11 Jahren. Rechthaberisch bewertete er in dem folgenden Streit die abstrakten Ansätze aus Jonas Aufsatz als Irrweg, erklärte die Kindheit zum Passdelikt und brach damit seine eigenen obersten Prinzipien, obwohl er eigentlich nur Jonas Meinung als fernere Deutung des Gedichtes, als Horizont, als Sicht auf die Dinge hätte zulassen müssen.</p>
<p>Auch das weitere Argument Jonas, demzufolge auch Teenager wahre Meister von schneeweißen, um sich kreisenden Luftschlössern seien, ließ Neumeier nicht zu, es offenbarte aber die Brisanz dieser minutenlangen Auseinandersetzung: Jona kämpfte deswegen so um die Zulässigkeit seiner Sichtweise, weil seine ganze Welt darin verborgen lag. Achselzucken gegenüber der Lehrermeinung, die Einwilligung in das bereinigte Schema hätte in dem angepriesenen Spiel der Horizonte den Verlust seines eigenen bedeutet und die Vorstellung, dass er es aus der Sicht Neumeiers spätestens im Alter von elf Jahren versäumt haben sollte, die so heilsamen Konstruktionen seiner Gedanken als nicht existent anzuerkennen, versah ihn mit einem Gefühl unerbittlicher und unüberwindbarer Einsamkeit. Vielleicht war Jona damals schon derjenige, der sich tot soff, der die Flasche für die immer wieder letzten Momente einer längst irreal gewordenen Empﬁndung an den Hals setzte, weil er sich in der Realität verlaufen hatte, er seine eigene Welt im gedachten Jenseits einschloss und er die Farben, die Aufrichtigkeit der Begeisterung und die Fantasieländer, in denen er sich die Welt zu etwas Glücklichem zurechtträumte, als Luft der Tage benötigte.</p>
<p>Durch seinen Aufsatz hatte Jona sich gewissermassen Absolution der Meinung erhofft, dass diese Mechanismen der eigenen Rettung nicht nur in dem Suizid gescheiterter Personen oder dem unerreichbaren Land der Kinder ihre Realität ﬁnden dürfen und aus diesem Grund von der Oberﬂäche der eigentlichen, vernünftigen und lebbaren Welt zu verbannen sind, sondern auch zum gleichsam gesunden Teil der Vorstellung gehören dürfen, ohne dass darin zwingend etwas Abgehobenes gesucht werden müsste.</p>
<p>Doch die Hoffnung auf einen geöffneten Himmel, auf Klärung der Geschichte, wandelte sich in die Gefahr, dass Himmel und Geschichte beide verloren gingen, dass es sie nie gegeben hatte. Denn Gedichte entstammen Vorstellungen. Und wenn es also absolut nicht sein konnte, dass sich Jonas Vorstellung in der Vorstellung eines anderen widerspiegelte, dann war er selbst widerlegt. Genauso wie er später Stiller, Steppenwolf und das Licht um Bölls Billardkugeln war und in seinen Aufsätzen um ihre Existenz im Realen kämpfte, stritt er auch bei Rilke darum, ob es ihn so hat geben können, wie er sich selbst empfand und ob eine innere Ersatzwelt, wie die seine auch andere empﬁnden konnten; ob sie existieren durfte. Wenn die Antwort nein lautete und alle Gesten ihn in seiner Identität bremsen wollten und konnten, so war Jona im wahrhaftigsten Sinne allein, weil es dann streng genommen nicht einmal ihn selbst gab.</p>
<p><strong>Der schnelle Beginn des Schweigens&#8230;</strong></p>
<p>Irgendwann sagte Neumeier genervt, Jona könne ihm schon glauben, da er sich viel länger mit der Materie beschäftigt habe und daher wisse, wie das Gedicht zu deuten sei. Jona hatte ihn noch fragen wollen, ob er denn tatsächlich so viel älter sei, als er aussah, da er das ja offensichtlich mit Rilke selber hatte klären können, doch er verzog sich lieber bloßgestellt wie ein dummer Junge in sein stilles Exil und blieb da auch all die Jahre, da schon beim nächsten Gedicht, Hölderlins „Hälfte des Lebens“, zur Vermeidung von Horizontdiskussionen von Neumeier und allen anderen Musterschülern vorher festgelegt wurde, worum es denn diesmal gehen würde. Jona hatte registriert, dass seine Meinung nicht gefragt war, fühlte wie schon der Himmel ein wenig blasser wurde, begrub die Hoffnung auf Ausdruck und Verständnis und versuchte in der Folgezeit traurig, wütend und mit täglich wachsender Migräne, seine weißen Elefanten und ihre sie begleitende Geschichte vor der allwissenden Analyse der anderen Genies zu retten, hörte sich deren Ausführungen an und wusste nach zwei weiteren Beiträgen in der nächsten Stunde genauer als es ihm recht war, dass er jedes Mal, wenn jemand zu lesen begann, bedenkenlos 10- 20 Minuten schlafen konnte.</p>
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		<title>1.</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:53:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
				<category><![CDATA[Romankapitel]]></category>
		<category><![CDATA[Gymnasium]]></category>
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		<description><![CDATA[Letzte Tage des Sommers Das Gymnasium lag sehr idyllisch zwischen zwei Seen, die der Fluss Schwentine ﬂankiert von dem schulnahen Park auf der einen und Feldern auf der anderen Seite miteinander verband. Hinter dem Schulgelände, jenseits der Sportanlagen, erstreckten sich wilde Galloway-Weiden von den Bahnschienen und der Eisenbahnbrücke bis hinunter zum größeren Lanker See. Die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=115&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Letzte Tage des Sommers</strong></p>
<p>Das Gymnasium lag sehr idyllisch zwischen zwei Seen, die der Fluss Schwentine ﬂankiert von dem schulnahen Park auf der einen und Feldern auf der anderen Seite miteinander verband. Hinter dem Schulgelände, jenseits der Sportanlagen, erstreckten sich wilde Galloway-Weiden von den Bahnschienen und der Eisenbahnbrücke bis hinunter zum größeren Lanker See. Die Straße auf der anderen Seite trennte das Schulgebäude und den Mittelstufenschulhof vom Park entlang der Schwentine, dem Wehrberg. Da der dichte Bewuchs des Parks keinen Einblick von der Schule und der davor gelegenen Strasse aus zuließ, verbrachten Jona und die anderen Jungs dort viele ihrer Freistunden und Wochenenden.</p>
<p>In der Mitte des Wehrbergs lag eine abschüssige Lichtung und eine an den Fluss grenzende Rasenﬂäche. Auf der Anhöhe am Waldrand thronte das große Kreuz des Gefallenendenkmals über der Seenlandschaft zu beiden Seiten, und auf halber Höhe lag ein hölzerner Pavillon, der ihr Refugium war und den sie liebevoll Tempel nannten. Auf dem reichlich beschnitzten Geländer sitzend verbummelten sie die Nachmittage und auf dem Dach des Pavillons versteckten sie sich vor der Horde rechter Idioten, wenn sie dem Wehrberg einen ihrer ungeliebten Besuche abstatteten und sie zu jagen begannen. Der Anlass für diese Jagd begründete sich wohl hauptsächlich darin, dass kaum einer von ihnen für sein Leben eine Perspektive sah. Sie waren zwischen 20 und 30, arbeitslos, teilweise drogensüchtig und gelangweilt.</p>
<p>Außerdem besuchten Jona und die Jungen nahezu alle das Gymnasium, und das wies sie in den Augen dieser schweren Kerls eindeutig als linksradikale Intellektuelle und als Angehörige der verhassten Oberschicht aus. Keiner von ihnen, mit Ausnahme ihres Anführers, wusste eigentlich, warum sie sich rechtsradikal nannten und worin die Eckpunkte ihrer politischen Gesinnung bestanden, da der ganze Umfang ihrer politischen Bildung auf den beiden Weisheiten basierte, dass die Türken ihnen die Arbeitsplätze wegnahmen und dass Adolf Hitler ein Vorbild sei. Des Öfteren hatten Jona und die anderen bei ihren Besuchen die Konfrontation gesucht, und Jona hatte den stumpf und ﬁnster zuhörenden Störenfrieden erklärt, dass Betriebe wie HDW und die Wirtschaft allgemein sofort zusammenbrächen, wenn man wirklich die Türken außer Landes jagte. Daraufhin hatte einer sich ihm mit seiner halslosen Ringerstatue genähert, hatte ihm den Arm auf die Schulter gelegt und auf den Lanker See gezeigt. Von der Flussmündung am Fuße der Anhöhe aus erstreckte sich zur Linken das schilfbewachsene Ufer an leuchtend gelben Kornfeldern entlang bis zur Anhöhe auf der anderen Seite des Sees. Rechts von ihnen umrahmten Waldstücke die Badestelle und die alte Fischerei, und in der Mitte des Sees lagen hinter Seerosengürteln, umﬂogen von riesigen Möwenschwärmen, die beiden Naturschutzinseln.</p>
<p>„Das sieht doch alles schön aus“, begann der Halslose mit bedeutsamer und seltsam versöhnlicher Miene. Er schien sich in diesem Moment wirklich auf Verbrüderungskurs zu beﬁnden, da er ansonsten nur mit ﬁnsterem Gesichtsausdruck drohend in der Ecke gestanden hatte.</p>
<p>„Jetzt stell dir einmal vor, da würden auf den Inseln jetzt so Hochhäuser und Asylantenheime gebaut werden und die Türken würden auf den Dächern tanzen. Würdest du dann nicht auch mit uns sein?“</p>
<p>Er sah Jona triumphierend in die Augen und wartete unter dem zustimmenden Nicken seiner Kumpels auf Jonas Kapitulation, da ihm seine zwingende Argumentation einfach unwiderlegbar und dabei ungemein entlarvend vorkam. Irgendwie lag er damit sogar verdammt richtig, da Jona soviel Dummheit nichts entgegenzusetzen hatte. Seit diesem Tag hatte er nie wieder einen Versuch unternommen, mit den selbsternannten „White Devils“ zu reden, und auch die anderen kletterten lieber schnell auf das Dach des Pavillons, wenn sie auftauchten, da jeder Einzelne der fast durchgehend übergewichtigen „Teufel“ zu viele Pfunde in seinem fetten Wanst unter der modischen Schneetarnjacke verbarg, als dass sie dort hätten hochklettern können.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/treibholzengel.wordpress.com/115/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/treibholzengel.wordpress.com/115/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=115&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:52:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Alkohol]]></category>
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		<description><![CDATA[An einem warmen Freitag im Frühsommer am Ende der elften Klasse saßen am Schwentine-Steg am Wehrberg an die 20 Jungen, tranken Bier aus Dosen und lauschten dem Kassettenrekorder, den ein Palestinenserschal vor der aufsteigenden Feuchtigkeit der Badestelle schützen sollte. Als die Musik verstummte legte Jojo, der einzige andere Junge aus Neumeiers Deutsch-Leistungskurs, die legendäre „Zechersette“ [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=113&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An einem warmen Freitag im Frühsommer am Ende der elften Klasse saßen am Schwentine-Steg am Wehrberg an die 20 Jungen, tranken Bier aus Dosen und lauschten dem Kassettenrekorder, den ein Palestinenserschal vor der aufsteigenden Feuchtigkeit der Badestelle schützen sollte. Als die Musik verstummte legte Jojo, der einzige andere Junge aus Neumeiers Deutsch-Leistungskurs, die legendäre „Zechersette“ in das Tapedeck ein und war sich dabei des Wohlwollens der Runde sicher, da diese Zusammenstellung von Rockklassikern sie schon so oft begleitet hatte, dass die meisten der Jungen trotz ihres zarten Alter von 17 Jahren in Nostalgie versanken, wenn diese Lieder erklangen.</p>
<p>Ein paar Wochen zuvor hatte Jojo Jona gebeichtet, dass er in der gesamten Stufe Elf noch keine der Deutsch-Lektüren ganz gelesen habe. Da Jojo über eine gesunde Auffassungsgabe und ausreichend Intelligenz verfügte, hatte er sich eher schlecht als recht, aber ohne wirkliche Katastrophen mit allerlei Tricks und Sekundärliteratur durch die Hausaufgaben und Klausuren gemogelt. Jona hatte ihn damals davon zu überzeugen versucht, dass es sich lohnen würde, die Bücher selbst auch einmal zu lesen und ihm empfohlen, einfach immer bei „Beavis and Butthead“ in der Werbepause den Ton wegzudrehen, um dann ein wenig zu lesen. Als der Kassettenrekorder lief und Phil Anselmos kaputte Stimme über den See hallte, reichte Jojo Jona ein neues Bier aus seinem Rucksack und erzählte ihm von dem durchschlagenden Erfolg der „Beavis and Butthead“ –Taktik. Da er dadurch wirklich einige Seiten gelesen hatte, war er zu der für ihn schon beinahe sensationellen Einsicht gelangt, der zufolge „Johnny Goethe“ eigentlich ein recht cooler Macker gewesen sein musste, obwohl Jojo die Sache mit dem ollen Pudel nicht ganz hatte einordnen können. Jona gab daraufhin zu bedenken, dass er auf diese Weise trotz allem den Faust nicht würde bewältigen können, da „Beavis and Butthead“ nur dreimal in der Woche ausgestrahlt werde und es ja nur jeweils einen Werbeblock gab. Weil Jojo aber ansonsten nichts im Fernsehen anschaute und sie somit keine weiteren Sendungen ﬁnden konnten, auf die sie das Werbeblockleseprinzip hätten anwenden können, stieß Jona wenigsten mit ihm auf den neuen Adel Goethes an.</p>
<p>Ansonsten gingen Tage wie dieser träge vorbei und abgesehen von der Tatsache, dass der Himmel immer interessanter zu schwanken begann, passierte nicht wirklich viel. Ein paar Mal hatten sie dort am See ein Saufturnier veranstaltet. Ein Team aus zwei Leuten musste dabei eine Palette halbe Liter Dosen so schnell wie möglich austrinken und die beiden Schnellsten gewannen den eigens gebastelten Schulten-Cup Pokal. Jona selbst hatte nie daran teilgenommen, weil er immer viel zu spät in den Park kam, um noch eine Mannschaft gründen zu können, doch als er bei der ersten Promillemeisterschaft in den Park fuhr, bot ihm sich ein kurioses Bild. Weil alle irgendwie schon Probleme bekamen, rannten einige ziellos im Wald herum, um über die sportliche Betätigung wieder Trinkpotential zu erlangen. Er setzte sich dann amüsiert zu denen unter den Pavillon auf der Anhöhe, die es mit dem sportlichen Ehrgeiz nicht so genau nahmen und korrigierte sein spätes Erscheinen durch ein paar Biersprints und verfolgte von dort aus das bizarre Spektakel, dessen Ende dann zwei stolze Sieger erlebte, die ihren gloriosen Triumph aber nur noch auf Knien feiern konnten.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/treibholzengel.wordpress.com/113/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/treibholzengel.wordpress.com/113/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=113&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>3.</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:51:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
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		<category><![CDATA[Mutter]]></category>
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		<description><![CDATA[An diesem Freitag fuhren die anderen Jungen, als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, zur Feuerstelle des Postsees am anderen Ende der Stadt, und Jona fuhr mit Jojo durch den Park zum Dönerladen. Bei Erkans Dönertreff konnten sie in diesem Zustand relativ sorglos essen ohne überrascht zu werden, da Jojo außerhalb wohnte und Jonas Mutter [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=111&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An diesem Freitag fuhren die anderen Jungen, als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, zur Feuerstelle des Postsees am anderen Ende der Stadt, und Jona fuhr mit Jojo durch den Park zum Dönerladen. Bei Erkans Dönertreff konnten sie in diesem Zustand relativ sorglos essen ohne überrascht zu werden, da Jojo außerhalb wohnte und Jonas Mutter nie einen Fuß in einen Imbiss wie diesen setzen würde. Sie verabscheute Fastfood zutiefst und ließ sich auch dann nie dazu überreden, Döner als Mittagessen zuzulassen, wenn die Migräne sie mal wieder entmenschlichte. Sie verbot Jona, sich auswärtig Essen zu holen und stellte sich lieber blass und schaukelig an den Herd, um etwas Gesünderes zu kochen. Jona lernte später, dass Döner für sechs Kinder auch viel zu teuer gewesen wäre, um oft darauf auszuweichen, doch damals hatten ihn diese Mittagessen im Sanatorium indirekt mit Schuld beladen. Er hätte viel dafür gegeben, wenn seine Mutter sich nicht so demonstrativ für ihre Kinder aufgeopfert hätte, um ihm hinterher dann vorwerfen zu können, wie schlecht und gleichgültig er seine Rolle als Sohn ausfüllte.</p>
<p>Zu Erkan kamen die anderen Eltern. Dicke Frauen und Männer in Trainingshosen warteten regungslos am Tresen und trugen dann ihr Essen in großen Plastiktüten nach Hause zu ihren beleibten Kindern; in Häuser, hinter deren schweren Jalousien wohl nie eine Mutter sich so bis zur Selbstzerﬂeischung aufopfern würde, wie die seine es manchmal auf so bewundernswerte und doch bedrückende Art und Weise tat.</p>
<p>„Irgendwie liebt sie uns zu Tode,“ dachte Jona und erinnerte sich an den Satz über Eltern aus Freuds Abhandlung über Träume:</p>
<p>„Ihr führt ins Leben uns hinein. Ihr lasst den Armen schuldig werden.“</p>
<p>Schuld tränkte Jonas Schweigen an all den namenlos traurigen Tagen, die vergeblichen Versuche seiner Mutter, zu den Gründen vorzudringen und die vor Wut zugeknallten Türen vor den Toren seiner leisen Welt. Jona blieb verschlossen und sie aß weiter die verbrannten Kanten der Pizzas, damit sie anstelle ihrer Kinder Krebs bekam, unterbrach ihr Kochen an Migränetagen, um hastig und weiß wie die Wand zur Toilette zu rennen, und schleppte sich weiter vom Reformhaus zu Coop und dann noch zu drei weiteren billigeren Läden, um schweigsamen Kindern pünktlich das servieren zu können, was diese doch nicht würdigen konnten.</p>
<p>All diese Bilder vergingen an diesen betrunkenen Nachmittagen. Schuld zeitigte sich, verwob sich mit dem Bierdunst zu einer Szenerie, in der alles ein wenig unbedeutender wurde. Die Welt reduzierte sich, schwankte in sanfter Gleichgültigkeit, holte den Himmel näher zu ihnen heran und zeichnete ihn trotzdem so geräumig, dass alle Träume wieder Platz fanden. Alkohol begoss all die Hypothesen mit der Blindheit der Hoffnung, erweckte den Glauben daran, dass vielleicht doch alles anders sein könnte oder zumindest, dass die eigene Welt in Zukunft nicht zwingend so unzureichend sein musste, wie sie zu wirken drohte. Die Wut auf die Schule verhallte und Jona gewöhnte sich daran, all die ungelösten Fragen, die verblassten Formelpapiere und bunten Karussellwelten zu betäuben und die Dinge auf andere Weise zu Ende zu denken, als es der Wunsch nach Vollständigkeit einst gefordert hatte. Wenn er dann ganz viel trank, dann begann Jona meistens daran zu glauben, dass die Welt vielleicht wirklich schon in diesen Momenten gar nicht so verwirrend und beengt war und dass man sich nur bemühen müsste, alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. All die unerreichbar entrückten Mädchen reihten sich vor den verwässerten Augen auf als Symbol einer besseren Welt, deren Nähe Jona wieder zu spüren begann, obwohl er insgeheim wusste, dass sie vielleicht niemals ferner war, als in diesen Momenten. Denn während der Himmel sich immer weiter mit Nebel verhängte und die Euphorie eine andere Weite schuf, lief das Leben draußen weiter, tanzten die begehrenswerten Mädchen Ballett oder machten Hausaufgaben, gingen mit echten Freunden ins Kino oder träumten sich in bessere Zeiten, ohne jemals Drogen dazu zu benötigen, während sich die Wahrheit in Form von unerbittlicher Einsamkeit über das zerbrechliche Glück hängte, das den Jungen ihre Trunkenheit schuf.</p>
<p>In dieser Stimmung, in der die Weite des Himmels sich wieder mit Träumen füllte, die seidenen Haarbänder im illusorischen Wind wehten und alles Licht sich mit dem Mut der Verzweiﬂung dagegen wehrte, trügerisch zu wirken, wartete Jona mit Jojo im Dönerladen auf das Essen und betrachtete den Mann am Spielautomaten. Er war wohl ungefähr so alt wie sein eigener Vater und warf mit völlig gleichgültiger und ausdrucksloser Miene eine Münze nach der anderen in das scheußlich dudelnde Ding. Die albern blinkenden Lichter spiegelten sich in seinem halbvollen Bierglas und die Finger seiner linken Hand tippten nervös auf die Kante des fettbeschmierten Tisches. Wie jedes Mal würde der Mann wohl auch an diesem Tag nicht mit dem Spiel aufhören, wenn der Stapel Münzen vor ihm aufgebraucht war, sondern er würde stattdessen mit immer noch ausdrucksloser Miene zum Tresen gehen, um sich neue Münzen zu wechseln.</p>
<p>Irgendwie hatte sich Jona an diesem Nachmittag auf den Dönerladen gefreut, da er ein bisschen wie ein fremder, verruchter Ort wirkte, doch nun frustrierte ihn diese Imbiss-Welt so sehr mit grauer endgültiger Trostlosigkeit, dass sie sich entschieden draußen zu essen. Als sie draußen aßen, hielt vor dem Laden ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben, aus dem vier Türken in Zuhälterkleidung stiegen. Während sie sich dem Eingang näherten, eilte Erkan hastig in das Hinterzimmer neben den Spielautomaten und sein Angestellter ﬁng auf einmal an, wie verrückt den Tresen zu putzen. Als die vier dann auch noch wort- und grußlos wie Schutzgeldabgesandte durch den Laden gingen und wie selbstverständlich im Hinterzimmer verschwanden, erinnerte die Szene vollends an ein Klischee aus einem dieser Maﬁaﬁlme. Für den Eindruck des Zwielichtigen sprach auch die Tatsache, dass des Öfteren junge Türken auf ähnliche Weise im Hinterzimmer verschwanden und dabei von Tüchern verhüllte Körbe mit sich führten, aus denen manchmal abgekniffene Kabel heraushingen.</p>
<p>„Man kann über Klischees sagen, was man will, es gibt Orte auf Mutter Erde, da stimmen sie alle“, dachte Jona und schmiss die Alufolie, auf der sich noch ein paar verlorene Brotkrumen mit den zurückgebliebenen Fettspuren vereinigten, in den Mülleimer am Ende der Mauer.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/treibholzengel.wordpress.com/111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/treibholzengel.wordpress.com/111/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=111&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>4.</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:50:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auf dem Weg zur Feuerstelle, zurück zu den anderen Jungen, verabredete Jona mit Jojo ein spontanes Fahrradrennen entlang der Mühlenau bis zur Brücke. Auf halber Strecke lag Jona deutlich in Führung, obwohl er auf dem Damenfahrrad seiner kleinen Schwester fuhr. Übermütig vollführte er, heulend wie Winnetou unter Hormonüberschuss, gewagte Schlangenlinien auf dem sandigen Weg, die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=109&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf dem Weg zur Feuerstelle, zurück zu den anderen Jungen, verabredete Jona mit Jojo ein spontanes Fahrradrennen entlang der Mühlenau bis zur Brücke. Auf halber Strecke lag Jona deutlich in Führung, obwohl er auf dem Damenfahrrad seiner kleinen Schwester fuhr. Übermütig vollführte er, heulend wie Winnetou unter Hormonüberschuss, gewagte Schlangenlinien auf dem sandigen Weg, die kurz darauf in einem spektakulären Fahrradstunt mündeten, für den ihn Jojo noch Jahre später bewunderte: An der Kurve unten am Fluss rutschte ihm sein Vorderrad so abrupt zur Seite, dass Jona nach vorne ﬁel und mit dem Fahrrad in der Hand einen nahezu perfekten Seitwärtssalto ausführte.</p>
<p>Obgleich er mit einer extrem unsanften Bauchlandung auf dem Weg aufschlug und das Fahrrad zu allem Überﬂuss auch noch weitgehend auf seinem Kopf landete, war an Schmerz noch nicht zu denken, da Jona erst einmal seinen kompletten Mageninhalt auf den Weg erbrach. Weil aber Jojo auch auf dem ganzen Weg zur Feuerstelle nur aufrichtig begeistert von Jonas äußerst sehenswerter Fahrradkür schwärmte, überwog der artistische Stolz eindeutig und auch die böse Vorahnung einer noch kommenden schlimmen Nacht verblassten ein wenig. Trotzdem lähmte Jona das taube Gefühl um seine Rippen so sehr, dass sie sich erst mal, nachdem Jojo an der Feuerstelle bei den anderen mit genug Geschichten Jonas Flugschau gewürdigt hatte, auf eine Bank am See setzten.</p>
<p>„Mir geht Delia nicht aus dem Kopf“, sagte Jona und beobachtete amüsiert, wie die gerade eingetroffenen grünen Ordnungshüter an der Feuerstelle auf der anderen Seite der Flussmündung  auf die altbewährte Methode zur Weißglut gebracht wurden.</p>
<p>„Was ist grün und stinkt nach Fisch..,“ sang die linke Bank mit erfahrenen Fußballfans. Als die Beamten sich dann schon aggressiv in Pose setzen wollten, antwortete die rechte ebenso versiert:</p>
<p>„Werder Bremen&#8230;“</p>
<p>Eigentlich hasste Jona Fußballgesänge, aber dieses Spielchen mit dem HSV- Westkurven-Highlight verfehlte nie seine erheiternde Wirkung. Auch Jojo lächelte und sie verfolgten noch eine Weile den Tumult auf der anderen Seite, der wie immer nach endlosem Hin und Her mit wahllos aufgeschriebenen Personalien endete und die Beamten mit der Drohung, sie würden wiederkommen, schließlich den Platz verließen, wobei niemand wirklich verstanden hatte, warum sie überhaupt gekommen waren.</p>
<p>Jonas Blick wanderte wieder zurück zu dem spiegelglatten See und den auf ihm tanzenden Schatten. Wie jedes Mal saßen fast nur Jungen drüben am Feuer und die wenigen Mädchen, die sich dort einfanden, interessierten ihn nicht. Sie gingen fast alle zur Hauptschule und da die wenigen Dinge, die man bei ihnen schätzen konnte, immer mehr oder weniger entfernt mit Leibesertüchtigung zu tun hatten, nervten Jona die hellen Schreie und das Gekicher, das in viel zu kurzen Abständen zu ihnen herüberschallte, an diesem Abend umso mehr. Leibesübungen kamen heute nicht mehr in Frage, seine Rippen schmerzten und weil ihm dazu noch ein wenig schlecht wurde, ließ er das Bier eine Weile unberücksichtigt auf der Bank stehen und dachte an Delia.</p>
<p>Im Laufe des vergangenen Schuljahrs hatte sich Jonas Meinung über sie erst ein bisschen und schließlich rapide und grundlegend geändert, wohingegen der Deutschunterricht selbst mit seinen endlosen Vorträge und Aufsatzlesungen sich für ihn immer mehr zur Tortur entwickelt hatte. Die Ausführungen begannen immer mit mehr oder weniger pointierten Einleitungen, führten dann zum Thema hin und verloren sich immergleich in einer im besten Falle ordentlich gegliederten Auﬂistung von Details. Markante und offensichtliche Thesen der Texte wurden wiederholt und ab und zu ein sparsam über die endlose Nacherzählung hinausreichender Gedanke beigefügt. Kernthesen wurden in schier unüberschaubaren Aneinanderreihungen zu Belanglosigkeiten verkocht und das sezierte Werk verkam in diesen eckigen Schemen der um Lob feilschenden Ordnung.</p>
<p>Jona hielt die Auﬂistung vom im Text sowieso schon Niedergeschriebenem für Zeitverschwendung und nutzte die knappe Zeit lieber für die Analyse der Bedeutung. Als sie dann die erste Klausur zurückbekamen, lobte Neumeier in fast schon überschwänglichen Worten Jonas Ausführungen und versah sie mit dem Prädikat „besonders und auf eindrucksvolle Weise interessant“.</p>
<p>Als Jona aber unter den Zeilen die Bewertung acht Punkte fand, fragte er ihn, wie denn diese glatte drei zu seinem vorherigen Lob passen würde. In umständlichen Worten und nicht gerade erfreut über die Frage erklärte Neumeier dann, dass Jonas hohes Abstraktionsvermögen und das Besondere seiner Ausdrucksweise die deutlichen Mängel im formalen Aufbau und in der gedanklichen Sortiertheit nicht würden aufwiegen können. Außerdem fange er immer ganz oben an und vernachlässige den Basis bildenden Unterbau. Als Neumeier dann auch noch die Frage, ob es denn allen Ernstes unabdingbar sei, dass man erst das niederschrieb, was sowieso schon jeder wusste, mit Ja beantwortete, blieb Jona wieder nur wütende Resignation.</p>
<p>Es war immer das gleiche Spiel geblieben: 17 wohlsortierte Mitschülerinnen hatten mit Nacherzählungen von Offensichtlichem die Weisheit der Welt unter sich aufgeteilt, Meisterwerke der Literaturgeschichte gerichtet, gedankliche Fehler und Naivitäten der Autoren seziert und ihnen manchmal gnädig verziehen, wenn die Sonne ganz viel Licht in verstaubte Herzen geweht hatte. An solchen Tagen hatte dann die Klugheit des Archivars nicht so viel gegolten wie der schwammige Begriff Inspiration und die Welt hatte diese unfassbare Nachlässigkeit geduldet. Sie begriffen nichts und ihre Aufsätze marterten Jonas Hirn, da er es nie ganz schaffte abzuschalten. Doch überraschenderweise gab es im Kurs, abgesehen von Jojo, der es ja mit dem Inhalt der Lektüren sowieso nicht so genau nahm und sich nur irgendwie durchmogelte, noch eine Ausnahme: Delia.</p>
<p>Obwohl sie nichts wirklich Neues niederschrieb, war in Jona im Laufe der Zeit die Freude über ein paar Momente der Entspannung gewachsen, wenn sie einmal hatte vorlesen sollen. Irgendwie rochen auch ihre Worte nach all den Lichtern im vernebelten Himmel und dem Sommer, den er nie fand. Sie schrieb mit einer so merkwürdig wortlosen Reife, dass man sie fast für weise halten konnte, und die Sinnlichkeit, mit der sie schrieb, eröffnete einen völlig neuen Blick auf ihre Schlafzimmeraugen und das Verführerische ihres Lächelns. Immer deutlicher hatte sie sich beim Vorlesen aus dem zementierten Vorurteil der Möchtegern-Schneekönigin geschält und als Jona im Laufe der Zeit immer faszinierter ihr kindlich schönes Gesicht beim Lesen betrachtete, merkte er, dass sie sich nicht mehr schminkte. Obwohl die Stiefel und der dicke Lippenstift schon am Anfang des Schuljahres verschwunden waren, hatte diese Entwicklung auf Jona eher normal als bemerkenswert gewirkt, und da das Leben in norddeutschen Kleinstädten ja merkbar andere Strategien erforderte, als man es von der jugendlichen High-Society von San Francisco gewohnt war, hatte er nicht weiter darüber nachgedacht. Doch von diesem Tag an, an dem sie das erste Mal ihren Aufsatz vorlesen musste, beobachtete er Delia immer öfter und begann, an den Geschichten über sie zu zweifeln.</p>
<p>„Ich wollte dir schon lange einmal sagen, dass du bei ihr mal was unternehmen musst, so oft wie sie dich anlächelt“, sagte Jojo und erwähnte damit etwas, das Jona durchaus auch schon bemerkt hatte.</p>
<p>Delia lächelte auffallend oft zu ihm herüber, stellte sich in größeren Runden fast immer neben Jona und lobte ihn auch an manchen Tagen für seine Aufsätze. Dann setzte sie sich in Chemie neben ihn, verwickelte ihn in lebhafte Nebentätigkeiten und bat ihn, wenn sie im Unterricht nicht mehr hinterherkam, ihr den Stoff simultan zu übersetzen. Dabei hatte Jona immer deutlicher gemerkt, wie aufgeweckt sie war. Trotzdem hatte er es sich das ganze Jahr über nicht getraut, mehr mit ihr zu planen, obwohl ihre weitgehende Isolation in der Stufe leichteres Spiel vermuten ließ.</p>
<p>„Scheiße! Ich sollte wohl wirklich mal was unternehmen“, sagte Jona. Er versuchte sich auf der Bank umzusetzen und merkte dabei den stechenden Schmerz in seinen Rippen noch brutaler, da inzwischen die Wirkung des Alkohols ein wenig nachgelassen hatte. Da Jojo wusste, wie sehr man Jona oft zu seinem Glück zwingen musste, versprach er ihm, genau darüber zu wachen, ob Jona die Ankündigung auch wirklich umsetzten würde, pumpte seine auch im Sitzen noch deutlich sichtbaren 1,90 Meter theatralisch ein wenig auf und versprach ihm andernfalls eine gehörige Tracht Prügel. Diese Ankündigung enthielt zwar wenig Drohpotential, da Jona kaum liebenswertere und friedfertigere Menschen als Jojo kannte, doch war sie die ernstgemeinte Ankündigung einer für Jojo typischen Fürsorgepﬂicht.</p>
<p>Wegen seiner wulstigen Lippen und seiner krausen Haaren nannten sie ihn manchmal Bantuneger. Da er aber in der Rolle des Tolpatsches wahre Wundertaten vollbrachte und es immer schaffte, seine und auch ein paar Gläser der anderen zu verschütten, obwohl alle um ihn herum Sitzenden oskarreife Verrenkungen ausführten, um ihre Cocktails so weit es ging von ihm fern zu halten, hatte Joachim Becker sich zähneknirschend mit dem Namen Kleckerbecker abﬁnden müssen. Er war im Ruhrpott aufgewachsen, war einer der größten Schalkefans, die man sich vorstellen konnte, und ging einem trotz Schalkebettwäsche, Schalkebecher und all der Geschichten über „den Olaf“ und dergleichen nie auf die Nerven, da daraus einfach die kindliche Begeisterung eines ungemein unkomplizierten und liebenswerten Menschen sprach.</p>
<p>Einmal hatte er in Frankreich, nachdem sie völlig bekifft im Freiluftkino Pocahontas geguckt hatten, seinen Schalkebecher und seinen Armeerucksack an irgendeinem Baum vergessen. Wie so oft hatte Jojo sich nach dem Kino auf dem Campingplatz verlaufen, hatte sich nach einer für seinen Zustand viel zu ermüdenden Odyssee einfach an irgendeinen Baum an den Wegesrand gesetzt und dort geschlafen. Nachdem er dann im Hellen aufgewacht war und tatsächlich zurückgefunden hatte, ﬁel ihm am nächsten Morgen auf, dass er ja seine Sachen am Baum vergessen hatte. Trotz seiner motivierten Suche fand er sie aber nicht wieder, da die einzige Information, die er über jenen Baum noch erinnern konnte, die Tatsache war, dass der Baum irgendwie mit ihm gesprochen hatte, genau wie bei Pocahontas.</p>
<p>Wegen dieser Unwegbarkeiten beschäftigte sich Jojo oft mit sich selbst, doch wenn er auf etwas aufmerksam wurde, bei dem er helfen konnte, dann nahm er diese Rolle auch durchaus ernst. Auch an diesem Tag ließ er den deutlich angeschlagenen Flugkünstler Jona erst alleine, als er im Gebüsch am See zwei in seinen Augen geeignete Gehhilfen aus Holz für Jona gefunden hatte.</p>
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		<title>5.</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:49:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach und nach verließen auch alle anderen die Feuerstelle, doch Jona saß in dieser Nacht noch lange dort am See, sah wie die im Feuerschein tanzenden Schatten kleiner wurden, dachte an Delia und drückte sich davor aufzustehen, da die Schmerzen bei jeder Bewegung unerträglich wurden. Irgendwann raffte er sich aber doch mühsam auf, überzeugte sich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=treibholzengel.wordpress.com&amp;blog=10142615&amp;post=107&amp;subd=treibholzengel&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach und nach verließen auch alle anderen die Feuerstelle, doch Jona saß in dieser Nacht noch lange dort am See, sah wie die im Feuerschein tanzenden Schatten kleiner wurden, dachte an Delia und drückte sich davor aufzustehen, da die Schmerzen bei jeder Bewegung unerträglich wurden. Irgendwann raffte er sich aber doch mühsam auf, überzeugte sich davon, dass Jojos selbstgebaute Krücken zwar irgendwie einen eleganten Eindruck hinterließen, seine Rippen jedoch durch das Aufstützen nur noch stärker belasteten und ging dann langsam ohne sie nach Hause. Als er an der alten Turnhalle vorbeiging, musste er an dieses Schülertheaterstück denken, in dem er ein paar Jahre davor einen Soldaten des Cyrano de Bergerac gespielt hatte.</p>
<p>Obwohl die Rippen immer noch schmerzten, kletterte Jona vom Weg am hohen Bahndamm durch den Knick und sah durch die Deckenfenster in die dunkle Halle. Die hochgezogenen Basketballkörbe warfen Schatten auf die leere Empore und als Jona den Bühnenvorhang sah, musste er wieder daran denken, dass der Hauptdarsteller bei Cyrano mit seiner übertrieben langen, angeklebten Nase sogar noch viel dämlicher ausgesehen hatte als Gerard Depardieu im Film. Jona hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass das Ding einmal abfallen würde, aber stattdessen hatte er dann mit seinen Soldaten den Anfang des dritten Aktes verschlafen, da sie in der Pause im Regieraum Bier getrunken hatten. Normalerweise wäre der regieführende Lehrer wohl noch rechtzeitig mit hochrotem Kopf hinter der Bühne aufgetaucht und hätte sie mehr oder weniger unauffällig auf die Bühne geprügelt, aber da der Raum am anderen Ende der Halle lag, hatten sie dann, als die Lichter schon angegangen waren, den Belagerungsring vor Heras rennend vom Zuschauerraum aus betreten müssen, um sich dann sofort schlafen zu legen, da in dieser Szene Cyrano einsam vor den schlafenden Soldaten zu dichten begann. Natürlich waren sie im Nachhinein auf nichts so stolz gewesen wie auf diesen verpatzten Auftritt und den Spruch über das lausige Benehmen der Soldaten heutzutage, den Cyrano spontan in seinen laufenden Text eingebaut hatte.</p>
<p>Jona dachte daran, wie seltsam ihm diese geschwollene Sprache damals vorgekommen war und wie albern und realitätsfern die Balkonszene auf ihn gewirkt hatte. Er hatte damals nicht wirklich an die magische Wirkung von Liebesversen auf dafür empfängliche Frauen glauben können, und dass sie wegen ein paar gepﬂegter Zeilen eine Nase wie diese tolerieren würden, hatte ihm nur ein müdes Lächeln abringen können. Allerdings hatte er auch damals schon gewusst, dass er ansonsten nicht die geringste Ahnung davon hatte, was denn Mädchen außer Ähnlichkeit mit Brad Pitt sonst beeindrucken würde.</p>
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		<title>6.</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 20:48:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>angelusnovusphilosophie</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Fantasie]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Um ein wenig auszuruhen und seinen Rippen etwas Schmerzfreiheit zu gönnen, setzte Jona sich auf die Bank an der Raucherecke der Schule. Die knochigen Bäume wogten sanft im Nachtwind vor dem dicht mit Efeu bewachsenen Backsteingebäude des Altbauﬂügels hin und her und verstärkten die unheimliche Aura, die von leeren Schulgebäuden ohnehin schon ausging. Vielleicht lag es an Filmen wie „Nightmare on Elm Street“ und „Prom Night“, dass leere Schulen ihm immer Angst einﬂößten, aber der kalte Nachthauch in Verbindung mit diesem alten Gebäude formte sich jedes Mal zu einem furchteinﬂößenden Etwas, wenn Jona um diese Zeit in seine Nähe geriet. Beunruhigend an diesem Szenario war nicht unbedingt die kitschige Vorstellung von Schülergeistern, die ihre geplagten Seelen des Nachts in der Schule auszutoben schienen, sondern aus irgendeinem Grund fürchtete Jona sich vor der Heizung. Die alten Rohre, die irgendwo in der hintersten Ecke des Kellers zusammenliefen, schienen hinter ihm in der Wand leise knackend zu Leben zu erwachen, eine dunkle Welle schwappte aus dem Kellergewölbe entlang der verstaubten Rohre durch jeden Raum, und letztendlich kam es Jona so vor, als würde das ganze Gebäude atmen und ihn mit feindlichen Augen beobachten. Der Schatten des Lehrerzimmerﬂügels verschlang die dichte Gebüschecke an der Nordfront, und die dunklen Fenster glotzten wie schlafende Dämonen auf die nackten Gerippe der Fahrradständer. Nur der ausrangierte Trabant mit den Blumenkübeln in dem ausgehöhlten Motorraum hinten bei den Chemieräumen hielt als letzte Bastion des Schülerwirkens die Stellung gegen die kalte Aura entvölkerter Feindseligkeit. Jona zwang sich trotz Unbehagen noch ein wenig sitzen zu bleiben und suchte unter der Bank nach etwaigen verborgenen Bierverstecken, da die Schmerzen immer schlimmer wurden und seine Ahnungslosigkeit im Umgang mit Mädchen wie Delia immer unruhiger in seinem wieder viel zu wachen Kopf herumschwirrte.</p>
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